Die Teufelskreise von Schlaflosigkeit, Depressionen und chronischen Schmerzen

Schlaflosigkeit, chronische Schmerzen und Depressionen sind verbreitete Beschwerden, unter denen viele Menschen ein- oder mehrmals im Laufe ihres Lebens leiden. Im Folgenden möchte ich gerne erläutern, warum diese Krankheitsbilder die Tendenz haben, bei den gleichen Menschen aufzutreten und warum eine dieser Beschwerden ein gesteigertes Risiko für eine oder sogar beide der anderen Probleme mit sich führt. Schließlich werde ich auch erklären, warum man sich dieser Sachverhältnisse bewusst sein muss.   

Ein Teufelskreis 

Ein wichtiges Faktum, das von vielen Menschen – Medizinern eingeschlossen – häufig übersehen wird, ist, dass das Vorhandensein von entweder Depressionen, Schlaflosigkeit oder chronischen Schmerzen das Risiko steigert, an den anderen genannten Beschwerden zu erkranken [1, 2]. So hat beispielsweise eine norwegische Studie aufgezeigt, dass ungefähr die Hälfte der Menschen, die chronische Schmerzen haben, auch an Schlaflosigkeit leiden [3]. Außerdem erwies sich, dass die meisten derjenigen, die an klinischen Depressionen leiden (mehr als50 %) auch Schlafstörungen haben [4] 

 

Zusätzlich zum erhöhten Risiko, an weiteren Beschwerden zu leiden, hat sich gezeigt, dass Menschen sich schlechter fühlen (Symptome kommen stärker zum Ausdruck) wenn zusätzliche Krankheitsbilder vorhanden sind. Beispielsweise wurde herausgefunden, dass Menschen, die nur wenig oder schlechten Schlaft bekommen, Schmerzen gravierender auffassen [1]und dass depressive Symptome stärker bei Patienten mit schlechtem Schlaf zum Ausdruck kommen als bei denen mit normalem Schlaf [5]. Patienten mit mehreren Beschwerden haben darum mit großer Wahrscheinlichkeit eine sehr eingeschränkte Lebensqualität und leiden dementsprechend. 

 

Was verursacht diese Teufelskreise? 

Es gibt mehrere, möglicherweise ergänzende Erklärungen dafür, warum es Tendenzen dafür gibt, dass Personen sowohl an Schlaflosigkeit, Depressionen und chronische Schmerzen zugleich leiden. Die erste Erklärung ist einfach und läuft darauf hinaus, dass eine Art von Beschwerde die Wahrscheinlichkeit für weitere erhöht. Es ist zum Beispiel wahrscheinlich, dass Personen, die an chronischen Schmerzen oder Depressionen leiden, letztendlich auch mit Schlaflosigkeit kämpfen müssen, da Schmerzen es schwierig machen, zu entspannen. Entsprechend ist es ebenfalls wahrscheinlich, dass Personen, die an Schlaflosigkeit leiden, einen negativen Gemütszustand entwickeln und dies ganz einfach deswegen, weil sie erschöpft sind und Schwierigkeiten haben, die Herausforderungen des täglichen Lebens zu bewältigen, da sie nicht ausgeruht sind. Folglich führt dies zu einem Teufelskreis aus einem stetig schlechter werdenden Gesundheitszustand, der zudem weitere Beschwerden mit sich führen kann und dies alles deswegen, weil das eine auslösende Krankheitsbild nicht behandelt wurde. 

 

Eine gemeinsame Ursache 

Ein etwas komplizierterer Erklärungsansatz ist, dasssowohl Schlaflosigkeit, chronische Schmerzen und Depressionen ein gemeinsame zugrundeliegende Ursache besitzen. Dieser Ansatz wird von mehreren Forschen verfolgt und hierbei wird Stress als einer der Faktoren genannt, der möglicherweise sowohl Schmerzen, Depressionen und Schlaflosigkeit verursachen kann [1, 2]. Wir wissen, dass Stress im direkten Zusammenhang mit den chemischen Vorgängen im Gehirn steht, die mit dem Dopaminspiegel verbunden sind und dadurch dafür verantwortlich sind, ob wir uns müde, wach, heiter oder bedrückt fühlen. Im Übrigen ist auch das Vermögen, Schmerzen zu ertragen mit diesen Vorgängen verbunden. Dieser Hypothese einer gemeinsamen zugrundeliegenden Ursache zur Folge sind wir mehr anfällig für Schlaflosigkeit, Depressionen oder chronische Schmerzen, wenn wir über eine längere Zeit enormen Stress ausgesetzt sind. Der Teufelskreis kann sich darum auf Grund von Stress verstärken, da dieser Schlaflosigkeit oder andere Symptome mit sich führen kann, die wiederum das Stressempfinden steigern können, was schließlich zur Entwicklung von schweren Störungen führen kann, was wiederum die Anfälligkeit für andere Beschwerden erhöhen kann. Hierbei muss bemerkt werden, dass ein hohes Stressniveau die Gesundheit nur dann beeinflusst, wenn die Stressbelastung von relativ langer Dauer ist. Verbreitete Arten von Stressbelastung können vielfältiger Natur sein. Beispiele sind: Mobbing am Arbeitsplatz, ausgeprägte Konflikte bei persönlichen Beziehungen oder einfach zu viele Verpflichtungen bei zu wenig Zeit. 

 

Warum ist dies wichtig? 

Die Erkenntnis, dass Schlaflosigkeit, Depressionen und chronische Schmerzen im direkten Zusammenhang miteinander stehen, istäußerst relevant, nicht zuletzt deswegen, weil körperliche und seelische Probleme oftmals separat und unabhängig voneinander analysiert und behandelt werden. Eine praktische und nicht zu vergessende Herausforderung in diesem Zusammenhang ist, dass viele Leute sich ihrer depressiven Gefühle wegen schämen und damit nicht unbedingt Hilfe aufsuchen. Studien haben aufgezeigt, dass Menschen, die unter Depressionen und Schmerzen leiden, weniger häufig Hilfe wegen ihrer Depressionen aufsuchen, als Menschen, die ausschließlich an Depressionen leiden.  Tatsächlich hat sich erwiesen, dass Menschen mit Depressionen und Schmerzen tendenziös nur Hilfe zur Behandlung ihrer Schmerzen aufsuchen und dass dies die Wahrscheinlichkeit mit sich führt, dass viele Fälle von Depressionen unbehandelt bleiben [6, 7]. Unbehandelte Beschwerden haben eine Reihe von wahrscheinlichen Folgen, angefangen von mehr Stress, stärker ausgeprägten Schmerzsymptomen und einem gesteigerten Risiko für Schlaflosigkeit. Des Weiteren besteht die Gefahr, dass sich dadurch der Teufelskreis von immer schlechter werdender Gesundheit und reduzierter Lebensqualität mit der Zeit schrittweise verstärkt.  

 

Gibt es eine Lösung? 

Leider gibt es keine einfache und schnelle Lösung. Allerdings gibt es anscheinend zwei wichtige Maßnahmen, die getroffen werden können und sollten, um zu vermeiden, dass Menschen im zerstörerischen Teufelskreis von Depressionen, chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit gefangen werden. An erster Stelle steht hierbei, lang andauernden Stress zu vermeiden. Der zweite Ansatz besteht darin, es Menschen leicht und unkompliziert zu machen, gesundheitliche Probleme zum Ausdruck zu bringen und dafür Hilfe zu erhalten. Dies scheint insbesondere wichtig, wenn es darum geht, Hilfe für psychischen Probleme aufzusuchen, da es in diesem Zusammenhang eine Dunkelziffer gibt und damit viele Fälle, die nicht behandelt werden. Derartige Herausforderungen auf Makroebene zu lösen ist ausgesprochen kompliziert. Allerdings können wir diese neuen Erkenntnisse dazu verwenden, um mögliche Teufelskreise in unserer eigenen, näheren Umfeld bei Familie, Freunden und Kollegen zu entlarven und derer bewusst zu sein.  

 

 

1.Finan PH, Smith MT: The comorbidity of insomniachronic pain, and depressiondopamine as a putative mechanismSleep medicine reviews 2013, 17(3):173-183. 

2.Senba E: key to dissect the triad of insomniachronic pain, and depressionNeuroscience letters 2015, 589:197. 

3.Sivertsen B, Krokstad S, Øverland S, Mykletun A: The epidemiology of insomniaAssociations with physical and mental health.: The HUNT-2 studyJournal of psychosomatic research 2009, 67(2):109-116. 

4.Franzen PL, Buysse DJ: Sleep disturbances and depressionrisk relationships for subsequent depression and therapeutic implicationsDialogues in clinical neuroscience 2008, 10(4):473. 

5.Cicchetti D, Ackerman BP, Izard CE: Emotions and emotion regulation in developmental psychopathologyDevelopment and psychopathology 1995, 7(1):1-10. 

6.Demyttenaere K, Bonnewyn A, Bruffaerts R, Brugha T, De Graaf R, Alonso J: Comorbid painful physical symptoms and depressionprevalencework loss, and help seekingJournal of affective disorders 2006, 92(2-3):185-193. 

7.Bair MJ, Robinson RL, Katon W, Kroenke K: Depression and pain comorbidity: a literature reviewArchives of internal medicine 2003, 163(20):2433-2445.